Weltladen im Viertel

Fairlesen

Unsere neue Rubrik: Mitglieder unseres Teams rezensieren Bücher, die Themen wie Konsum, wirtschaftliche Strukturen und Klimakrise behandeln. Also solche, die für Sie auch interessant sein könnten. Wir laden Sie herzlich ein, sich ein Bild zu machen und freuen uns, wenn Sie bei dieser Gelegenheit ein Buch für sich entdecken.

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Andreas Wagner erzählt in seinem Debütroman eine Familiengeschichte in und um den Hambacher Forst

 

Der Wald spielt im kulturellen Selbstverständnis der Deutschen seit jeher eine besondere Rolle. In ihm bündeln und konzentrieren sich nicht nur eine Vielzahl ökonomischer Interessen, er ist vor allem Ort magisch-mythischer sowie märchenhafter Erzählungen. An ihm entzünden sich seit Jahrhunderten die Phantasien, die den Wald nicht zuletzt zum Rückzugsort all jener gesellschaftlicher Elemente stilisierten, für die zunehmend weniger Platz war oder die die Gesellschaft prinzipiell scheuten und scheuen mussten: von der sprichwörtlichen Hexe über die mal aus guten (Robin Hood), mal aus weniger guten Motiven agierenden Räuber bis hin zu all den imaginären Gestalten und Gespenstern, die die aufgeklärte Moderne aus ihren Reihen ausgeschlossen zu haben glaubte und die zwischen Buchen und Eichen fortexistierten. In diesen Figuren und im Wald als besonderem Raum bewahrten sich die Konturen einer Gegenkultur und exemplarischen Naturnähe, die vor allem die Romantiker beschworen und die aktuell – Trends wie das Waldbaden lassen es erahnen – offenbar wieder an Bedeutung gewinnen. Nicht zuletzt ist der Wald aber auch Teil jener Narrative nationaler Selbstermächtigung, wie sie die deutsche Geschichte bis in 20. Jahrhundert prägten; der Teutoburger Wald ist das klassische Beispiel dafür, wie aus einem Wald der so oft apostrophierte ‚deutsche‘ Wald wurde.

Ulrich Wegst hat ein nicht ganz kantenfreies Buch über die Kulturtechnik des Verzichtens geschrieben

 

Das Sprichwort weiß es längst: Weniger ist manchmal mehr. Und nach Lektüre von Ulrich Wegst Buch ließe sich ergänzen: Weniger ist der Schlüssel zum Überleben. Und zwar der Menschheit. So in etwa ließe sich die Pointe von Keine Angst vorm Verzicht reformulieren, in dem Wegst das Verzichten zur wichtigsten Kulturtechnik des noch jungen Jahrhunderts erhebt und zu einem Parforceritt durch nahezu alle gesellschaftlichen Felder ansetzt, um Bedeutung und Notwendigkeit des Weniger auszuloten. Die existentielle Dimension dieses Ansatzes ist, so der Autor, dabei nicht von der Hand zu weisen. Die Dringlichkeit des Verzichtens steht mit Blick auf überfischte Meere, überdüngte Böden, dem geradezu rauschhaften Einsatz von Pestiziden und Insektiziden aller Art, dem massenhaften Wegsterben von Flora und Fauna, dem Abholzen der Wälder und dem sich bedrohlich erwärmenden Klima außer Frage. Die planetaren Grenzen sind uns in den vergangenen Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit näher gerückt, der Klimawandel ist endgültig in den Zustand des Akuten getreten und wird nur noch von beinharten Kapitalisten und Populisten geleugnet (wenn auch seine Verharmlosung in nahezu allen politischen Lagern festzustellen ist). Das lässt sich nicht zuletzt im Aufkommen neuer politischer Akteure und einer Vielzahl an Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich festmachen. Der oft geäußerten Einsicht, dass es so nicht weitergehen könne, steht allerdings der Umstand entgegen, dass sich in der Lebensführung der Mehrheit aller Deutschen (und damit letztlich der Mehrheit aller Bewohner des überindustrialisierten globalen Nordens) nichts geändert hat. Hier gilt auch weiterhin die Prämisse: Je mehr, desto lieber. Verzichten liegt uns nicht und Wegst zählt eine ganze Reihe biologischer, sozialer, ökonomischer wie politischer Gründe auf, warum es uns so schwer fällt, ein einmal erreichtes Konsumniveau wieder aufzugeben.